Interview
MARGRET HOPPE
Margret, vielen Dank, dass Du Dich bereit erklärt hasst, ein Interview mit on memory zu halten. Deine Fotografien von der Serie ‘Verschwundene Bilder’ beschäftigen sich mit der Vergangenheit der DDR und den kulturellen Verlust der damit zusammenhängt. Wie bist Du auf dieses Projekt, dass zeitgenoessisch sehr relevant ist, gestossen und wie war die Reaktion des Publikums im ehemaligen Osten und generell in Deutschland?
Ich bin in der ehemaligen DDR geboren. Zur Zeit der politischen Wende 1989 war ich 8 Jahre alt – ich erlebte sie daher als Kind und hatte für die politischen und gesellschaftlichen Dimensionen dieses Ereignisses ein kindliches Bewusstsein. Mir war wohl klar, dass ich nun endlich T-Shirts mit amerikanischer Flagge in der Schule tragen durfte, aber nicht, welcher Schnitt sich in den Biografien, in den Alltag der Menschen und der ganzen Gesellschaft daraus ergibt.
Das wurde mir erst als heranwachsender Mensch bewusst, in dem Moment als ich wahrnahm, wie viel von der Kultur des Landes, in dem ich geboren wurde und meine Kindheit erlebte, verschollen war. Da ich Kunst studiert habe und mich hauptsächlich mit Fotografie beschäftigte, nahm ich besonders die Abwesenheit, das Verdrängen der Kunst aus dem alten System wahr. Die Bilder von Künstlern wie Werner Tübke, Bernhard Heisig, Willi Sitte, Wolfgang Peuker und vielen anderen, waren in öffentlichen Gebäuden zu sehen und somit Bestandteil meines alltäglichen Umfelds. Als ich sah, das diese Bilder zunehmend verschwanden, begann ich, dieses Verschwinden mit Hilfe der Fotografie aufzunehmen. Das ist natürlich ein Wettlauf gegen die Zeit – meine Bilder zeigen nur die Leere, höchstens Spuren von den Bildern die zerstört, abgenommen oder übermalt wurden, denn ich bin sozusagen zu spät gekommen, um die Bilder an ihrem Platz zu fotografieren.
Werner Tübke, Fünf Kontinente, 1959, Öl auf Holz, 5 Diptychen jeweils 245×245 cm, Interhotel Astoria, Leipzig, Interhotel Astoria, Leipzig, 2006
© Margret Hoppe
Die Reaktion auf meine Arbeit ist sehr unterschiedlich. Viele Menschen haben mit der DDR abgeschlossen und wollen die Geschichte der DDR und auch der Wendezeit nicht an sich ran lassen. Daher sind sie von meinen Bildern auch nicht immer begeistert. Obwohl man die Bilder der Künstler der ehemaligen DDR auf meinen Fotografien ja nicht sieht – aber sie fragen sich, warum ich mich mit so einem Thema beschäftige.
Andere wiederum sind begeistert, erinnern sich selbst vielleicht an die Bilder, die sie längst vergessen hatten. In Westdeutschland bekam ich sehr viele positive Kritik zu meiner Arbeit. Das ist ein Thema, dass vielen auch gar nicht so bewusst ist. Daher waren die Besucher der Ausstellung in Hamburg beispielsweise sehr interessiert, fragten viel zur Geschichte der Bilder und der Künstler.
Im November 2008 werde ich die Bilder in Bulgarien, in Sofia zeigen. Ich bin sehr gespannt auf die Reaktionen dort. In Bulgarien ist man sehr langsam mit der Aufarbeitung der Geschichte. Erinnerungsarbeit ist dort nicht so ein Thema wie in Deutschland. Ich habe in Bulgarien im letzten Jahr verfallende Denkmale und Wandgemälde fotografiert (also auch Auftragsarbeiten des Bulgarischen Staates zu Zeiten des Kommunismus). Bei der Recherchen zur Arbeit stieß ich bei den Einheimischen auf sehr viel Unverständnis.
Sto Toborov, Einheit des Kampfes für nationale und soziale Freiheit, 1975, Metall, Beton, Busludscha Gipfel, Balkangebierge, Busludscha Gipfel, Balkangebierge, 2007
© Margret Hoppe
Es ist sehr interessant, dass Dir bei Deinem Besuch in Bulgarien sehr viel Unverstaendnis entgegen kam. Kannst Du das etwas mehr beschreiben. Warum denkst Du waren die Menschen dort so irritiert? Ausserdem bist Du gerade von einem Trip nach Kuba zurück gekommen. Hast Du dort ebenfalls versucht die Spuren der kommunistischen Architektur, Skulptur, der visuellen Kunst der Castro Zeit zu dokumentieren? Und wie war diese Erfahrung?
Deine Arbeiten sind Teil der Erinnerungsarbeit in Deutschland. Was sind Deine Gedanken ueber Erinnerung, Erinnerungsarbeit generell und spezifisch?
In Bulgarien ist das Thema Erinnerungsarbeit kein großes Sujet in der Kunst. Die Menschen sind einfach mit existenzielleren Fragen beschäftigt – wie bezahle ich meine Miete, wie kann ich die steigenden Lebensmittelpreise aufbringen, wie werde ich im Alter versorgt. Ausserdem sind ein Großteil der Altkommunisten immer noch in politischen Positionen (wenn man mehr dazu erfahren möchte, kann man den Autor Ilya Trojanov lesen). Das ist nicht unbedingt förderlich für eine demokratische Entwicklung. Die politische Wende 1989 ist dort ganz anders verlaufen – wir in Ostdeutschland hatten den Westdeutschen Nachbarn. Bulgarien hatte das nicht. Es geht also mehr um das jetzt und die Leute wollen in die Zukunft schauen – sie wollen Veränderungen. Dort geht alles sehr sehr langsam. Im Gegensatz zu uns, wo es meistens zu schnell geht. Deshalb machen wir ja Erinnerungsarbeit.
Nikolai Smirgela, Johann, 1970, Granit, Depot des Vereins Bildernder Künstler, Sofia, 2007
© Margret Hoppe
Erinnerungsarbeit ist wichtig. Für mich sind Geschichte und Erinnerungen eine Hilfe für das Jetzt und die Zukunft. Ich denke, dass sich die Geschichte wiederholt – natürlich nicht identisch – aber in einem gewissen Rahmen. Siehe die Wirtschaftskrise – es war klar, dass es nicht mehr so weiter geht. Damit meine ich natürlich auch den Kunstmarkt und die entfremdeten Preise – der eigentliche Wert eines Kunstwerks und der Marktwert waren in unbegreiflichen Dimensionen voneinander entfernt. Das sind natürlich auch Dinge, die in Bulgarien oder auch Kuba keine Rolle spielen – obwohl Bulgarien das indirekt sicher auch treffen wird. Die Kubanische Regierung wird sich jetzt über Amerika ins Fäustchen lachen.
Aber zurück zur Erinnerung – es ist wichtig, bewusst zu leben. Und dazu gehört eben auch die Aufarbeitung der Vergangenheit. Damit kann man die Zukunft verändern. Und wenn die Zeit langsamer vergeht, wie in Kuba oder auch Bulgarien, dann lebt man mehr im Jetzt und hastet nicht durch den Raum, wie wir Deutschen das so gerne tun.
Kannst Du bitte etwas über Deine Erfahrungen an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris sprechen. Dort studiertest Du mit Jean-Marc Bustamante und Christian Boltanski. Wie hat das Deine Arbeiten spezifisch beeinflußt?
Christian Boltanski hat mich vor allem durch seine Arbeit und Auseinandersetzung mit Erinnerung und Geschichte sehr beeinflusst. Er nutzt seine Vergangenheit, um eine künstlerische Arbeit entstehen zu lassen. Obwohl er sich auch bewusst ist, dass man die Geschichte nie ganz erfassen kann, man kann sie eigentlich nur auf seine Art und Weise verarbeiten und im gewissen Sinne auch nur neu Erfinden. Der Unterschied ist vielleicht der Wahrheitsgehalt, der bei mir noch eine größere Rolle spielt. Boltanski ist ein Künstler, der mit Fotografien, gefundenen Fotografien arbeitet. Ich fotografiere selbst, mit analoger Kamera, und bediene mich auch eines dokumentarischen Stils. Meine Bilder sind nicht digital bearbeitet und von mir gemacht. Boltanski konstruiert alles neu mit den gefundenen Bildern-er macht ebenfalls Installationen-das Ergebnis meiner Arbeit sind Fotografien-Bilder an der Wand, die auf einen bestimmten Ort und eine bestimmte Geschichte verweisen.
Le Registres du Grand-Hornu, 1997
© Christian Boltanski
Jean -Marc Bustamante hat mich eher formal beeinflusst. Seine Art Bilder zu sehen und auf die Materie und die Komposition zu schauen, empfand ich als bereichernd. Obwohl ich sagen muss, dass mir Boltanski immer näher stand und ich mich seine Arbeit auch mehr berührt.
L.P. II, 2000
© Jean-Marc Bustamante
Vielen Dank für das Interview, Margret.
Für weitere Information über Margret Hoppe und ihre Fotografien besuchen Sie bitte www.margrethoppe.com.
Ein Film über Margret Hoppe’s Arbeiten ist hier zu sehen:
Deutschen Welle ι Kultur.21 ι Deutsche Bilder
Folge 3: Ende der Utopie: Margret Hoppe’s Fotoseries: “Die verschwundenen Bilder”
About this entry
You’re currently reading “Interview,” an entry on ON MEMORY
- Published:
- January, 2009 / January, 2009
- Category:
- Cultural history, East Germany, German Photography, Germany, History, Interview, Memory, Photography





No comments yet
Jump to comment form | comments rss [?] | trackback uri [?]